Der Kunstschreiner Selhorst

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Delbrück (mb). Hermann Selhorst war ein Meister des Bildhauer- und Kunstschreinerhandwerks. Über das vielfältige Schaffen ihres Großvaters und die Geschichte seiner Bildhauer- und Kunstschreiner-Werkstatt berichtet Maria Behre.

 

Geboren wurde Hermann Selhorst 1877 zu Selhorst bei Langenberg, Selhorster Straße 22, heute Haus Heimann mit der Torbogenschrift-Datierung 1796 zur Hochzeit des Vorfahren Johan Hermann Schulze-Selhorst, und lernte bei seinem Vater Franz Selhorst (1845-1899), zusammen mit seinem Bruder Franz (1883-1929), das Handwerk des Bildhauers und Kunstschreiners. Sein Vater hatte um 1880 aus dem Holz einer Notkirche in Westenholz eine Werkstatt erbaut, in der Möbel, mit sinnreichen Sprüchen versehen, gefertigt wurden, nach dessen Tod „Franz Selhorst Söhne. Nordhagen bei Delbrück i. W. – Anfertigung kirchlicher Kunstgegenstände in Holz-, Bau- und Möbelarbeiten“.

Ein Photo von 1905 zeigt Hermann mit sechs Mitarbeitern. Darüber hinaus lernte er Malerei bei seinem Freund, dem Franziskanerpater Walther Tecklenborg, der im Franziskanerkloster Rietberg seit 1918 ein Atelier eingerichtet hatte (1875-1965).

Im Jahre 1911 gründete Hermann auf dem Grundstück seines Hauses (Oktober 1908 geplant als Stadthaus-Villa für die von Höfen Kommenden) eine „Werkstatt für Christliche Kunst“ in Rietberg, Bahnhofstraße 55, früher Chaussee Rietberg – Neuenkirchen, auf dem Gelände der heutigen Rietberg-Werke, seit 1936 gehörig zu Seppeler Gruppe.

Im Juni 1917 musste er, selbst im Felde in Russland (Wilna 1916), wegen der Kriegswirren die Werkstatt aufgeben und verkaufte sie an die Möbelfabrik Joseph Ellendorff, Wiedenbrück, die bis 1926 bestand (heute Westag & Getalit AG, Hellweg 15, 33378 Rheda-Wiedenbrück). Selhorst gründete seine Werkstatt 1920 in Nordhagen, heute Nordhagener Straße 55, früher Schildkrug Haus Nr. 131, wieder neu. Er kaufte das Grundstück und baute darauf das im Juli 1919 zum Abbruch erworbene Fachwerk-Haus von Wilhelm Stark in Kaunitz. Das Haus datiert nach dem auch heute noch gut lesbaren Giebel-Eintrag einer alteingesessenen jüdischen Familie aus Kaunitz von deren Hochzeittag, der 18.6.1818: dem Kaufmann „Abraham Dreier und Rika Vorreuter“, die beide auf dem jüdischen Friedhof in Neuenkirchen begaben liegen.

Durch seinen frühen Tod 1931 waren seine neun unmündigen Kinder mit seine Ehefrau Anna, geborene Büsing, unversorgt, seine vier unverheirateten Schwestern Katharina, Elisabeth, Anna und Bertha sorgten sich mit um die große Familie.

Zahlreiche sakrale und profane Kunstwerke aus seiner Werkstatt sind auch heute noch erhalten:

1) das Torgiebelfenster des Hauses Kröger, früher Hotel Vogt, jetzt Café Münte in Rietberg, Müntestr. 2 (PHOTO und Verlinkung, https://www.quermania.de/nordrhein-westfalen/rietberg/cafe-muente.php ab 1995, genannt „Vogtsche Scheune“, ein Umbau des alten Fachwerk-Hauses von 1651 (bezeugt in einer eindrucksvollen Inschrift) in das private Knabenkonvikt des Vikars Friedrich Vogt (1879-1939), altsprachlich-humanistisch ausgerichtet, erfolgte 1915 vom Paderborner Architekten Max Sonnen in Zusammenarbeit mit Hermann Selhorst, der das wertvolle Schnitzwerk in der früheren Deele und die prachtvolle Gestaltung der alten Toreinfahrt zum neubarocken Fenster schuf. Die seit 1911 bestehende Schule, für die Selhorst im April 1913 einen „Antiken Schrank“ und im Juni 1913 ein Buffet lieferte, wurde 1934 durch die Schulbehörde geschlossen

(Quelle: Alwin Hanschmidt, Die Privatschule des Vikars Friedrich Vogt in Rietberg, in: Gruß aus Rietberg. Vereinigung ehemaliger Schüler des Gymnasiums Nepomucenum zu Rietberg, Nr. 28, 1995, S.48-51)

2) die Kommunionbänke der Kirche St. Joseph in Westenholz, die nach dem Zweiten Vaticanum in einen Altar integriert wurden (BILD) mit den vier biblisch-religiösen Tier-Symbolen: Lamm, Hirsch, Löwe und Pelikan

3) Altar in der Pfarrkirche Herz Jesu Lippling (Zur alten Kapelle, 33129 Delbrück), mit den vier biblisch-religiösen Tier-Symbolen: Hirsch, Fisch, Lamm und Pelikan sowie Ambo mit Löwen und drei Jungen (PHOTO), Selhorst hatte die Kirche ausgestattet und traf 1900 bei der Einweihung der Kirche seine spätere Frau Anna, geborene Büsing (1888-1975), die vorsang (Hochzeit 4.6.1912)

http://www.pv-delbrueck.de/de/gemeinden/lippling/Einrichtungen/Pfarrkirche.php

Für 1899 ist die erste Kommunionbank für die Kirche St. Katharina des Franziskanerklosters in Rietberg bezeugt, wahrscheinlich beim Brand 1935 zerstört,

verbrannt ist am 27.3.1945 das Chorgestühl, das 1909 in der Franziskanerkirche Paderborn, Westernstraße 19, angefertigt wurde. Der Auftrag war, das ursprüngliche Chorgestühl von 1687-1711, das als „das künstlerisch-wertvollste Chorgestühl von allen Kirchen der Saxonia“ bezeichnet wurde, nach vorn um 38 Chorstallen zu verlängern. Die Nachbildung umfasste Blatt- und Bandornamente, Blüten- und Fruchtgehänge, Engel, Misericordien und Passionswerkzeuge, insgesamt „beachtenswerte Leistungen eines frohschaffenden Kunsthandwerkes“. Es wurde dann 1936 bei der letzten Ausmalung vor der Zerstörung im Farbton eines tiefen Olivengrüns übermalt, weil man die Eiche in ‚brauner Einheitsfarbe‘ als zu dunkel empfand.

4) Pfarrkirche St. Johann Baptist Schwaney, Am Marktplatz 1, 33184 Altenbeken-Schwaney. Teile der Holz-Gestaltungen sind noch erhalten. Wahrscheinlich wurden sie vermittelt durch Hermann Selhorsts Schwester Elisabeth, genannte Lise, die dort Haushälterin beim Pastor Adolf Oberreuter bis zu dessen Tod (1920-1931) war, der den Innenausbau der Kirche förderte. 1970 wurden die Kommunionbänke, der Kreuz- und der Marienaltar bei einer Renovierung entnommen, um sie wieder zu integrieren, was nur z.T. geschehen ist. Die Kommunionbänke zeigen die bekannten Tier-Symbole mit Namensrollen der Evangelisten mit aufwendig gestalteter Ornamentik. (Photo-Dokumentation durch den Heimatpfleger Ludwig Schenk)

Selhorst gab seine gelebte und gestaltete Religiosität an seine Kinder weiter, von denen die Mehrzahl auch im künstlerisch-pädagogischen Bereich arbeiteten. Kirchenlatein und Kirchenmusik (Harmonium), ikonographische Kenntnisse und Symboldeutungsgeschichte waren in Selhorsts Haus in Nordhagen präsent. Die Differenz von Kunst und Kunstgewerbe forderte ihn heraus, und sein Vermächtnis war das Bemühen um „Christliche Kunst“ mit Expertisenkritik angesichts frömmelnden Kirchenkitsches gerade in der religiösen Gebrauchskunst.

Stephan (1913-1976), Dr. phil., Professor für Kunstwissenschaft (Kunst- und Kulturgeschichte) und Designtheorie an der Fachhochschule Münster Bereich Design (https://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_Selhorst),

Josepha (1914-2001), Missionsschwester vom Kostbaren Blute Jesu Sr. Pientia und Künstlerin in Mariannhill/ Natal bei Durban, Südafrika (https://de.wikipedia.org/wiki/Pientia_Selhorst),

Maria (1916-1990), Missionsschwester Sr. Dominica, Schulleiterin = Principal des St. Francis Colleges ebenda,

Gertrud (1918-2006), verheiratete Grunenberg, ihr Sohn Stephan ist Künstler in Frankfurt und ihr Enkel Robert Galerist in Berlin,

Bernhard (1921-1988), Rektor in Rietberg, Sprachforscher, Heimatpfleger, Archivar der Familiengeschichte,

Theresia, verheiratete Behre (1926-2017), Lehrerin in Paderborn,

Franz (1928-2018), Rektor in Herten.

Seine Zeichenblöcke belegen die Breite der Schaffensprodukte: Chorgestühle, Beichtstühle, Kommunionbänke, Kanzeln, Altäre, Retabel, Altartafeln, Bischofsstühle, Kruzifixe, Ambonen mit Evangelistensymbolen, Monstranzen, Madonnen, Engel, Heiligenfiguren, Kreuzwegstationen-Reliefs, Truhen (eine Truhe befand sich - als Zeichen für Exporterfolg - in der Deutschen Botschaft in Südafrika, Pretoria, vor 1928 Kapstadt, wie seine Tochter Josepha bezeugt, Truhenverzierungen wurden auch nach Hamburg geliefert, da Eichentruhen zu schwer waren) Er stellt aber auch Treppenaufgänge, Balustraden, Kredenzen, Spiegelschränke, Särge her.

Quellen:

Festschrift zum 300jährigen Bestehen des Franziskanerklosters zu Paderborn. 1658-1958, Hg. Vom Konvent der Franziskaner zu Paderborn, Werl/ West.: Dietrich-Coelde Verlag 1958.

Selhorst Stephan, Gute alte Zeit. Ländliche Erinnerungen aus Westfalen, Münster: Wolfgang Hölker Verlag 1976.

Selhorst, Bernhard, Rietberg. Porträt einer ostwestfälischen Stadt, Gütersloh, Flöttmann 1977.

Selhorst, Bernhard, Selhorst. Eine alteingesessene westfälische Künstlerfamilie, Delbrück: Höber-Verlag o.J. (zwischen 1976-1988), wahrscheinlich 1981 anlässlich einer Ausstellung von Pientia Selhorst in Neheim-Hüsten.

Rade, Hans Jürgen, Hausinschriften in Delbrück-Nordhagen, damals & heute, Nr. 44, 20. Dezember 2017 https://www.stadt-delbrueck.de/de-wAssets/docs/geschichtsforum/damals-u.-heute-Nr.-44-Gesamt.PDF

Bericht: Maria Behre, Aachen, 29. Mai 2020

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Hermann Selhorst (2. von rechts) mit sechs Mitarbeitern
Hermann Selhorst (2. von rechts) mit sechs Mitarbeitern vor der Werkstatt in Nordhagen im Jahre 1905. Foto: Archiv
Aus den Kommunionbänken entstand der Zelebrations-Altar.
Aus den verzierten Kommunionbänken, die Holzkünstler Hermann Selhorst in seiner Werkstatt für religiöse Kunst angefertigt hatte, entstand 1974 im Zuge der Renvovierung der Pfarrkirche Westenholz der Zelebrations-Altar. Foto: Adalbert Höber
Die Motive des Altars sind biblische Tier-Allegorien
Die Motive des Altars sind biblische Tier-Allegorien, einerseits Pelikan und Löwe (Foto), andererseits Lamm und Hirsch (Foto oben).
Die neugotische Hallenkirche St. Joseph in Westenholz wurde 1974 renoviert
Die neugotische Hallenkirche St. Joseph in Westenholz wurde 1974 renoviert. Dabei wurden die Tier-Allegorien des Holzkünstlers Selhorst mit leichtem Blattgold belegt, erklärt Küster Johannes Biermeyer.
Das ehemalige Haus Selhorst im Jahre 2020.
Das ehemalige Haus Selhorst wird im Jahr 2020 renoviert. Hier in Nordhagen gründete vor genau hundert Jahren Hermann Selhorst seine Werkstatt für religiöse Kunst neu und legte damit den Grundstein für das vielfältige Schaffen in der Region Delbrücker Land und weit darüber hinaus. Foto: Adalbert Höber