Der Brieftaubensport

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Delbrück (ho). Der folgende Bericht erschien im Delbrücker Kurier in der 38. Ausgabe am 29. Mai 1984. Beim Stöbern im Delbrücker Stadtarchiv haben wir ihn entdeckt. Verfasser ist Adalbert Höber.

Um Pokale und Meisterehren wetteifern jetzt wieder die Brieftaubenzüchter mit ihren „Rennern der Lüfte“. Spitzengeschwindigkeiten von über 100 Stundenkilometern fliegen bei günstigem Wetter die schnellsten Tauben. Ähnlich beeindruckend ist das erstaunliche Orientierungsvermögen der Tiere, das sie immer wieder in ihren Heimatschlag führt. Ist es die Sonne, die ihnen den Weg zeigt? Sind es erdmagnetische Ströme, die Einfluß ausüben? Das Spektrum der Theorien ist breit, aber gelöst hat bis heute das Rätsel trotz intensiver Forschungen noch keiner. Doch das verstärkt nur die Faszination des Brieftaubensports.

„Das wird ein schwerer Flug“, sagt Anton Sandmeyer-Hüllmann. „Es sieht ganz so aus, als müßten wir noch eine Stunde warten.“ Anton Sandmeyer-Hüllmann – Sand Tönne – schaut auf die Uhr und dann wieder zum Himmel. Es ist 15.30 Uhr. Auf der Bank vor der Scheune am „Walde“ 3 sitzt neben ihm Franz Schweihoff aus Westenholz, sein ehemaliger Nachbar. Eine grau-weiße Wolkendecke liegt über den Eichen. Über den Wipfeln torkelt eine Krähe nach Hause. Das ungeduldige Warten steckt an. Zu dritt beobachten wir jede Regung am Himmel.

„Es ist einfach zu kalt“, sagt Franz Schweihoff. „der Gegenwind macht den Tauben zu schaffen.“

Kühler Nordostwind pustet uns ins Gesicht. Wir sitzen und warten. Es ist 15.53 Uhr. Um Ruhe vor meinen dauernden Fragen zu haben, drückt mir Sand Tönne die Liste des Preisfluges vom vergangenen Sonntag in die Hand. Ausgewertet und ausgedruckt wurde sie vom neu angeschafften Computer der Reisevereinigung (RV) Delbrück und Umgebung, wie er betont. Dann schaut er wieder zum Himmel.

19 Vereine gehören zur RV Delbrück, so ist auf Seite drei der Preisliste vom 6. Mai aufgeührt: Gut Flug Delbrück, Luftpost Nordhagen, Sturmvogel Steinhorst, Römerbote Anrteppen, Heimkehr Ostenland, Sennebote Hövelhof. Bis auf Westenholz sind hier alle Orte der Großgemeinde Delbrück vertreten. Hinzu kommen drei Vereine aus Hövelhof.

RV-Geschäftsführer Ludwig Fletcher hatte am Tag zuvor beim Einsetzen der Tauben betont: „Mit ihren 283 Mitgliedern ist die RV Delbrück die größte Reisevereinigung in Ostwestfalen-Lippe, und das sowohl nach der Zahl ihrer Mitglieder als auch nach der Zahl der Tauben.“ An erster Stelle im westfälischen Bereich gar rangiert die RV Delbrück mit der Zahl ihrer jugendlichen Mitglieder. 35 junge Taubensportler frönen in den Vereinen der RV ihrem ganz persönlichen Freizeitvergnügen. Nur einen bescheidenen Durchschnittswert von gut einem Prozent erreicht dagegen der weibliche Mitgliederanteil mit den drei Mädchen, die sich in die Männerdomäne des Taubensports eingeschlichen haben. 15 Jahre alt ist die Schülerin Brigitte Wecker, die das Vergnügen mit den Brieftauben ihrem Vater abgeguckt hat.

Am anderen Ende der Altersskala führt Josef Blomberg, nach eigenen Angaben mit 78 Jahren ältestes aktives Mitglied der RV, ein rühriges Taubensportdasein. „Schreiben Sie in dem Bericht auch, daß ich in diesem Alter die Tauben noch mit dem Fahrrad zur Einsatzstelle bringe“, hatte er mir nach dem Einsetzen am Tag zuvor aufgetragen.

Es ist jetzt 15:58 Uhr. Nachbar Georg Sander guckt um die Ecke. „Wie sieht's aus?“ will er wissen. „Schlecht“, sagt Sand Tönne. „Es ist einfach zu kalt“, sagt Franz Schweihoff. Ich sehe schon wieder etwas am Himmel. „Das ist eine Wildtaube“, beruhigt mich Sand Tönne. Wir sitzen und warten.

Der Computer erfasst Namen und Daten

Es ist jetzt 16.01 Uhr. Über den Wipfeln ist immer noch Ruh, aber Sand Tönne schleudert bereits die ersten bösen Blicke zu meinen beiden Sprösslingen hinüber, die über den Hof toben. Ich blättere in der Preisliste vom vergangenen Sonntag. Viele Namen und Zahlen hat der Computer dort ausgedruckt. „Ringnummer, Züchter, Ankunft, Geschw. Geld“ steht in der Kopfzeile. 119 Mark hat Sprock Hermann die Ringnummer 357481489 eingebracht, lese ich. Sieh an.

„Da ist die erste“, sagt Franz Schweihoff fast gelassen. Im selben Augenblick steht Sand Tönne vor der Bank in den Startlöchern. Pfeilgerade schießt die Taube vom Himmel, zieht dann einen Bogen. Anton Sandmeyer-Hüllmann beginnt sein verlockendstes Pfeifen. Sofort ergibt sich die Taube und landet ohne Verzögerung auf dem Schlag vor dem Giebel. Gleichzeitig verschwinden beide im Innern der Scheune. Jede Sekunde ist kostbar. Erst wenn der Gummiring der Taube vom Fuß ist, kann die Ankunfstzeit in die Konstatieruhr „gedreht“ werden. Es ist 16.02 Uhr.

Nach einer guten Minute ist Sand Tönne schon wieder draußen. Er setzt sich jetzt nicht mehr auf die Bank. Das Telefon klingelt. Es wird hektisch. Vom anderen Ende der Leitung sind neue Informationen zum bisherigen Verlauf des Fluges gekommen. Kößmeier in Boke hat die erste „gedreht“.

Die „Witwer“ zieht es zu den Weibchen

„Normal müssten sie jetzt Schlag auf Schlag kommen“, sagt Sand Tönne als er zurück ist. Aber dies ist kein normaler Flug. Es ist windig und kalt.

„Die zweite.“ Ich zeige zum Himmel. Im Direktkurs steuert sie einen der Schläge an, zögert nur kurz nach der Landung und verschwindet. Das muss schon Nummer drei sein. Jetzt kommen sie aber. Deutlich war zu erkennen, wie sie ihren zielstrebigen Flug unterbrach. Jetzt dreht sie einen weiten Bogen und kommt langsam tiefer. Doch dann geht sie gleich wieder hoch und kurvt noch eine Runde. Sie scheint den Ernst ihres Auftrags nicht begriffen zu haben. Eine Ehrenrunde noch links herum und eine noch rechts herum. Auf taube Taubenohren stößt der becirzende Lockruf ihres ungeduldigen Züchters. Dann endlich zieht es auch sie in den Schlag.

Was den Vogel – wie die männlichen Tauben genannt werden – schließlich so zielstrebig in seine Dachbehausung drängte, ist die Sehnsucht nach seinem Weibchen. Denn die meisten Brieftaubenzüchter setzen heute ihre Renner nach der „Witwerschaftsmethode“ bei den Wettflügen ein. Das bedeutet: Das Männchen geht auf die Reise und jagt im harten Konkurrenzkampf im Auftrag des Züchters Preisen und dem Gelde nach. Das Weibchen sitzt daheim auf dem Nest und wartet. Zitat aus „Leben mit Brieftauben“: „Bei dieser Methode spielt der Sex eine große Rolle. Wenn man kann, gibt man den Weibchen eine luftige Voliere als Unterkunft, während die Männchen im gewohnten Abteil verbleiben und auch ihre Nistzelle behalten.

Wenn es am Wochenende zum Einsatz geht, öffnet der Züchter kurz vorher den während der Woche verschlossenen Teil der Zelle, und die Witwer nehmen flugs davon Besitz. Dann werden die während der Woche entfernten Nistschalen in die Zellen gesetzt, und die sich hinein kuschelnden Witwer wissen, daß es nun zum Fluge geht und ihr Weibchen auf sie wartet. Das beflügelt.“

Und wenn es mal einen der eingestzten Tauben ganz besonders beflügelt hat, dann reicht das vielleicht aus zur Meisterschaft. Frau Sandmeyer-Hüllmann hat 1974 die „560“ gedreht, als sie mal für ihren Mann einspringen mußte. Die „560“ wurde RV-Meister. Sowas vergißt man nicht“, sagt Frau Sandmeyer-Hüllmann.

„Ob man sonst immer so erfreut ist über das Hobby des Mannes, ist eine andere Frage“, fügt sie hinzu. Aber letztlich zieht sie mit ihrem Ehemann doch an einem Strick, „denn sonst wäre es wohl nichts mit seinem Sport.“

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Archivbericht: Der Brieftaubensport
Kurt Steinberg aus Delbrück ist seit seinem siebten Lebensjahr Brieftaubenzüchter mit Leib und Seele. Im Jahre 1984, als das Foto entstand, betreibt er bereits seit 37 Jahren dieses Hobby und ist bis heute, im Juni 2020, immer noch aktiv. Foto: Adalbert Höber
Alt und Jung schicken mit gleicher Leidenschaft ihre Lieblinge ins Rennen. Foto: Adalbert Höber
Anton Sandmeyer-Hüllmann (rechts) und Franz Schweihoff warten auf die ersten Renner. Foto: Adalbert Höber