Live-Dialog mit Dr. Daniel Stelter

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Kreis Gütersloh (mw). Für ihren ersten digitalen Live-Dialog am 5. November 2020 konnte die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) Kreis Gütersloh und ihr Vorsitzender Mathias Westerbarkei den bekannten Ökonomen Dr. Daniel Stelter gewinnen.

Nach der Video-Vorstellung des jüngsten MIT-Neumitglieds informierte Westerbarkei die Zuschauer in einem öffentlichen Livestream auf Facebook und YouTube kurz über die Mittelstands- und Wirtschaftsunion und deren Aktivitäten im Kreis Gütersloh.

Anschließend trug Stelter seine Einschätzung zu den erwarteten, wirtschaftlichen Auswirkungen von Corona vor und übermittelte unverblümt und mit klarer Kante auch Handlungsempfehlungen für Unternehmer und Politik. Die Zuschauer konnten sich durch die im Stream eingeblendeten Fragen direkt einbringen. In dem anschließenden Dialog, einer Videokonferenz nur für MIT-Mitglieder, entstand eine lebhafte Diskussion zu den Ideen und durchaus kritischen Anregungen des Referenten, der sich vehement für die Werte der sozialen Marktwirtschaft stark machte.

Stelter wies auf die „asymmetrische“ Krisenreaktionen der Notenbanken und den weltweiten Trend zur Erhöhung der Verschuldung hin. Billiges Geld habe  bereits vor Corona zur „Zombifizierung“ von Unternehmen (circa zehn Prozent unserer Unternehmen) geführt, die eigentlich nicht wettbewerbsfähig seien und verhindere so notwendigen Strukturwandel, Innovationen und Wachstum.

Deutschland habe bislang durch einen schwachen Euro und starke Exporte sehr gut verdient, viel Geld gespart, aber nicht gut angelegt. Auch der Staat habe Überschüsse nicht gut investiert, zu wenig in Infrastruktur (Digitalisierung, Bildung, Mobilität) und zu stark in Gesundheits- und Rentenleistungen (deren Verpflichtungen nicht bilanziert werden).

Stelter appellierte, der Staat solle die kameralistische Buchführung auf Doppik umstellen, da nur eine vernünftige Bilanzierung unter Einbeziehung der Vermögen und Schulden richtige Anreize für nachhaltige Staatshaushalte setze. Der Ökonom erwartet nach Corona eine Re-Regionalisierung und weitere Verstärkung des Protektionismus. Er befürwortet grundsätzlich die massive staatliche Stabilisierung der Wirtschaft, hätte jedoch einen zielgerichteteren und administrativ einfacheren Ansatz gewählt: monatliche Umsatzausfallzahlungen durch Finanzämter, die bei der nächsten Steuererklärung auf das Niveau des Vorjahres gedeckelt werden.

Von Notenbanken erwartet er drastische Maßnahmen wie beispielsweise das Helikoptergeld. Durch Klimaschutzmaßnahmen und der angestrebten Transformation der Wirtschaft befürchtet er eine massive Vernichtung von Vermögen und Wohlstand und damit ein Inflationsrisiko. Statt der von ihm kritisierten Transferunion schlägt er ein Modell vor, bei dem die EU-Staaten ihre Schulden von bis zu 75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf die EU verlagern, um diese dann über die EZB z.B. mit ewigen Eurobonds als „Endlager“ zu refinanzieren.

Deutschland hätte so wieder finanziellen Spielraum, um zu investieren oder Steuern zu senken und Kosten der alternden Gesellschaft zu tragen. Für Deutschland hält er Direktinvestitionen in Europa für sinnvoller als weiterhin hohe Investitionen im Ausland. Er plädiert für einen Staats-/Vermögensfonds mit einem geschenkten Anfangskapital von 25.000 Euro für jeden unter 65. Zugriff sollte erstmalig nach zehn Jahren und Erreichen des 65. Lebensjahres möglich sein und für freiwillige, zusätzliche Einlagen sollte es garantierte Mindestzinsen geben. Darüber hinaus diagnostiziert er zu wenig Immobilieneigentümer und sieht die Notwendigkeit für bessere Förderung, die Mieter zu Eigentümern macht.

Dr. Daniel Stelter war von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der internationalen Strategieberatung The Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Als Autor zahlreicher Expertenbeiträge und aktueller Sachbücher liefert er einen unverstellten Blick auf die wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen unserer Zeit. Er ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Forums „beyond the obvious“. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zählt ihn in ihrem Ökonomen-Ranking 2019 zu den einflussreichsten Ökonomen Deutschlands.

https://youtu.be/oKv0NRBwb6Y »

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Live-Dialog mit Dr. Daniel Stelter
Dr. Stelter trug im ersten Live-Dialog der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) Kreis Gütersloh seine Einschätzung zu den erwarteten wirtschaftlichen Auswirkungen von Corona vor.